Leseprobe
Asher Bale
Leseprobe aus Band 1 der Asher-Bale-Reihe
Die Beute hat Krallen
Urban-Fantasy-Roman
C. Wibbing
1
Die Straßenlaternen brannten noch und ihr Licht hing blass in den Nebelschwaden über dem Arroyo. Los Angeles roch zu dieser Stunde manchmal so, als könnte es regnen. Meistens log die Stadt dabei. Ich mochte diese kurzen Stunden trotzdem, bevor die Sonne den Beton aufheizte und alles wieder nach Staub und Abgasen roch. Ich war zu Fuß gekommen und den Weg unterhalb der Brücken entlanggegangen, dort, wo der Arroyo Seco River zwischen grauen Betonwänden lag. Graffiti bedeckten die Pfeiler. Der Geruch von Eukalyptus hing schwer in der Luft. Von oben drang das dauernde Rollen der Autos herab, gedämpft durch Nebel und Entfernung, und irgendwo in den Bäumen schrien Vögel viel zu munter für eine Uhrzeit, zu der vernünftige Menschen noch schliefen. Der Park war fast leer: nur zwei Jogger, einer davon in einem Tempo, das mehr nach schlechtem Gewissen als nach Sport aussah, eine Frau mit einem kleinen weißen Hund, der jeden zweiten Grashalm persönlich untersuchen wollte, und ein Mann auf einer Bank mit Kaffeebecher und Kapuze, der nur auf sein Handy starrte und nicht auf mich. Ich merkte mir trotzdem, wo er saß. Gewohnheit. Keine besonders charmante, aber nützlich. Der Pavillon lag ein Stück weiter, zwischen Bäumen und niedrigem Gestrüpp, mit Sicht auf den Weg. Als Treffpunkt war er gut gewählt: offen, sodass niemand leicht überrascht werden konnte, und weit genug vom Weg entfernt, dass man nicht zufällig mithörte, wenn zwei Leute über einen magischen Fokus und einen fünfstelligen Betrag sprachen.
Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe und sah mir den Pavillon aus der Ferne an. Niemand wartete dort. Ich war zu früh dran, was Dan für vorbildlich halten würde.
Dan hatte den Kontakt am Abend vorher über ein Forum bekommen, eines dieser kleinen, schlecht moderierten Sammlerforen, in denen Leute über antike Foki, angeblich verfluchte Schmuckstücke und mittelalterliche Bannnägel diskutierten, als ginge es um seltene Münzen. Zwischen viel Schrott und noch mehr Angeberei tauchten dort manchmal echte Stücke auf. Dan hatte ein Talent dafür, sie zu finden. Er sagte, das sei Erfahrung. Ich sagte, es sei eine Form von Selbstverletzung, sich freiwillig durch solche Threads zu lesen. Der Verkäufer hatte behauptet, die magischen Gegenstände eines verstorbenen Sammlers diskret abzuwickeln. Unter ihnen sollte ein Fokus sein, der Magie blockierte oder zumindest abschwächte. Eine Art Schildmagie. Ein Stein mit gebundener Abwehrstruktur. Falls das stimmte, wäre es für Dan Gold wert. Für mich auch, vermutlich. Nur dachte ich bei solchen Dingen gern erst an Dan, weil er derjenige war, der mit Foki arbeitete, sie auseinanderbaute, verstand und danach mit der Art von Begeisterung ansah, die andere Menschen für Welpen reservierten. Ich konnte Magie sehen. Das war mein Beitrag. Ich verstand nicht immer, was ich sah, aber meistens reichte es, um einen Fehlkauf von einer echten Entdeckung zu unterscheiden. Dan hätte den Fokus im Laden sauber prüfen können, mit Werkzeug, Kaffee und mehreren sehr langen Monologen. Aber der Verkäufer wollte nicht in den Laden kommen. Diskretion, Nachlass, Dringlichkeit – alles Worte, die in dieser Reihenfolge entweder ein gutes Geschäft oder eine Falle bedeuteten.
Dan hatte mich vor dem Termin noch dreimal gefragt, ob ich wirklich allein gehen wollte. Die Statistik der harmlosen Begegnungen in meinem Leben war… durchwachsen. Beim dritten Mal hatte er mir die Pistole gegeben. Ich strich mit der Hand über das Rückenholster unter meiner Jacke. Die Waffe fühlte sich fremd an. Kalt, hart und störend real. Ich mochte keine Pistolen. Beim Schießtraining hatte ich einmal die Halterung der Zielscheibe getroffen, sonst nichts, und Dan danach erklären müssen, dass das technisch gesehen auch Präzision war, nur mit falschem Ziel. Er hatte nicht gelacht. Zumindest nicht sofort.
Die Dinge, auf die ich mich im Ernstfall verließ, waren ohnehin andere. Mein Körper, meine Sicht und meine Heilung. Dans Uhr an meinem linken Handgelenk. Ich drehte den Arm ein Stück und sah auf das schlichte Zifferblatt. Für jeden anderen war es eine etwas zu schwere, alte Uhr mit Kratzern am Gehäuse und einem kleinen Knopf an der Seite. Für Dan war sie ein Projekt, auf das er gleichzeitig stolz war und über das er sich regelmäßig beschwerte. Für mich war sie ein Fokus, der mich für wenige Sekunden innerhalb der Zeit verschieben konnte. Dan korrigierte mich jedes Mal, wenn ich behauptete, sie würde die Welt um mich herum verlangsamen. Für mich sah es allerdings genau so aus. Wenn jemand auf mich schoss, musste ich weder besonders wehrhaft noch besonders gut geschützt sein, nur schnell genug. Ich hatte noch immer keinen Anlass zu glauben, dass ich sie heute brauchen würde. Trotzdem war sie beruhigender als die Pistole. Die Uhr hatte Dan gebaut. Der Pistole traute ich deutlich weniger zu. Mir mit der Pistole noch weniger.
Mein Handy vibrierte. Dan. Ich zog es aus der Tasche und las die Nachricht. Noch alles normal?
Ich tippte zurück: Ja. Bin nur zu früh. Park leer. Pavillon steht noch.
Die Antwort kam sofort. Witzig. Bitte nicht witzig sterben.
Ich sah kurz auf den Pavillon. Ich bemühe mich um langweiliges Überleben.
Sehr gut. Und wenn der Typ komisch ist, gehst du. Kein Stolz, kein Feilschen, kein Asher-Ding.
Ich verzog den Mund. Was ist ein Asher-Ding?
Diesmal dauerte es zwei Sekunden. Du weißt genau, was ein Asher-Ding ist.
Leider wusste ich es. Ich steckte das Handy weg, stand auf und ging langsam Richtung Pavillon. Auf halber Strecke bemerkte ich Bewegung auf der anderen Seite des Pavillons. Ein Mann kam zielstrebig den Weg entlang. Er war groß, Mitte vierzig vielleicht, mit zurückgebundenem Haar und dunklen Augen. Er trug ein dunkelgraues Jackett, ein helles Hemd, obere Knöpfe offen, eine dunkle Jeans und Lederschuhe. Sauber, aber getragen. Er sah nicht aus, als wäre er auf dieses Geschäft angewiesen. Ich wechselte für einen Moment in die magische Sicht. Eine Aura lag um ihn, klar strukturiert, ihre grünen Linien spiralförmig nach innen gezogen. Keine der Signaturen, die ich kannte. Unter seinem Jackett erkannte ich außerdem mehrere kleine, dicht gebundene Strukturen. Vermutlich Foki. Was sie taten, konnte ich nicht erkennen. Ich wechselte zurück in die normale Sicht.
Kurz vor dem Pavillon blieb er stehen. »Asher Bale?« Seine Stimme war tief und glatt. Ein Ton, mit dem man Verträge schloss oder Leute entließ.
»Asher reicht«, sagte ich und trat unter das Dach. Der Mann blieb neben einer der äußeren Säulen stehen. »John Harrington?«, fragte ich.
Er nickte knapp. Aus der Nähe sah sein Gesicht kantiger aus. Die Nase war leicht schief, eine schmale Narbe zog sich über der rechten Wange bis knapp unter das Auge. Seine Kleidung roch schwach nach Zigarettenrauch. Er sah sich um, nicht auffällig, aber gründlich. »Sie sind allein«, sagte er.
»Sie klingen überrascht.«
»Aber der Artificer bei Ihnen ist doch Daniel Vence.«
»Ja.«
»Dann wundert es mich, dass er nicht selbst kommt.«
»Sie hatten ja nach mir gefragt.«
Harrington sah mich einen Moment an, als prüfe er, ob das eine Antwort war oder eine Unhöflichkeit. »Ja. Ihr Name steht auf der Website des Ladens. Und Sie prüfen für ihn?«
»Ich merke, ob ein Fokus echt ist. Dan merkt danach, warum ich recht hatte.«
»Selbstbewusst.« Er lächelte nicht. Das gefiel mir fast besser als ein falsches Lächeln. »Meine Zeit ist knapp«, sagte er. »Halten wir uns also nicht mit unnötigem Geplänkel auf. Haben Sie das Geld dabei?«
Ich klopfte auf die Innentasche meiner Jacke. »Darf ich zuerst sehen, was ich angeblich kaufe?«
»Angeblich.«
»Forumsangebote um sieben Uhr morgens im Park bekommen bei mir nicht sofort Vertrauensvorschuss.«
»Ihr Freund hat verhandelt.«
»Das heißt nicht, dass ich mit Bargeld auf Steine werfe.«
Diesmal verzog sich sein Mund ganz leicht. »Gut. Vorsicht ist vernünftig.« Harrington griff in die Innentasche seines Jacketts und zog einen kleinen dunkelblauen Samtbeutel hervor. Er wog ihn kurz in der Hand. »Ein außergewöhnliches Stück«, sagte er. »Wenn man dem Katalog des Sammlers glauben darf, stammt es aus Prag. Es soll noch einwandfrei funktionieren.«
»Sie haben im Forum geschrieben, es blockiert Magie.«
»Es dämpft sie. Oder es lenkt sie um.«
»Das sind ziemlich unterschiedliche Dinge.«
»Ich bin Händler, kein Artificer.« Sein Blick wurde etwas kühler. »Praktisch wäre, wenn Sie den Fokus ansehen und danach entscheiden, ob Sie ihn kaufen möchten.«
»Gern. Vorher eine Frage: Warum nicht über einen etablierten Händler? Wenn die Sammlung echt ist, würden Sie mehr bekommen.«
»Etablierte Händler stellen Fragen.«
»Ich auch.«
»Sie zahlen hoffentlich schneller.«
»Das hängt sehr vom Fokus ab.«
Harrington sah wieder zum Weg hinaus. Die Frau mit dem kleinen Hund war weitergezogen. Der Mann mit Kapuze war außer Sichtweite, falls er noch da saß. Ein Jogger kam vorbei, Kopfhörer in den Ohren, sah nicht her und verschwand hinter den Bäumen. »Der Sammler kam unglücklich ums Leben«, sagte Harrington. »Seine Erben haben kein Interesse daran, mit Konklave, Händlern oder alten Schulden in Kontakt zu kommen. Sie wollen Geld und Ruhe.«
»Unglücklich ums Leben klingt nach einer schlechten Umschreibung.«
»Er fiel eine Treppe hinunter.«
»Das ist meistens unglücklich.«
»Und danach in einen Glastisch.«
Ich sah ihn an. »Das ist dann schon engagierter.«
Harrington hielt meinen Blick. »Menschen sterben auf viele dumme Arten, Asher.«
»Und der Fokus hat überlebt«, sagte ich.
»Magische Gegenstände haben oft bessere Überlebensstrategien als ihre Besitzer.«
Harrington hielt mir den Beutel hin. Ich nahm ihn vorsichtig, öffnete die Kordel und ließ den Inhalt in meine Hand gleiten. Ein schwarzer Stein. Glatt, oval, kalt. In die Oberfläche waren feine Zeichen geschnitten, kleine Winkel, Kreise und Linien, die durch winzige Beschädigungen auf den ersten Blick alt wirkten. »Schön gearbeitet«, sagte ich.
»Schön ist ein kleines Wort dafür.« Harringtons Mundwinkel zuckte kurz. »Prüfen Sie ihn.«
Ich drehte den Stein zwischen den Fingern, dann wechselte ich in die magische Sicht. Und sah nichts. Kein Schimmern. Kein Netz. Keine gebundene magische Struktur. Nicht einmal schwache Reste alter Magie in den eingeritzten Zeichen. Der Stein lag in meiner Hand wie jeder beliebige Stein. Ich wurde sofort wacher. »Das ist kein Fokus«, sagte ich.
Harrington sah mich an. »Sicher?«
»Ja.«
»Interessant.«
Ich hob den Blick. Seine rechte Hand war bereits wieder in der Jacke. »Lass das«, sagte ich.
Er lächelte zum ersten Mal richtig. Es war kurz und kalt. Dann blitzte etwas zwischen seinen Fingern auf. In meiner magischen Sicht schossen grüne Fäden zwischen den Säulen des Pavillons hoch, verknoteten sich zu einem engen Gitter und spannten sich vom Boden bis unter das Dach.
Ich wich einen Schritt zurück. »Verdammt«, sagte ich. »Natürlich.«
Hinter den Pfeilern traten zwei Männer aus den Schatten. Sie mussten schon die ganze Zeit dort gewesen sein, im dichten Gebüsch dahinter. Es waren normale Menschen, keine Magier. Ich ließ die magische Sicht fallen. Beide waren groß, kräftig, trugen Lederjacken, helle Hemden, schwarze Hosen. Einer hielt einen Taser, der andere einen Schlagstock. »Jungs, ernsthaft?«, sagte ich und drehte mich langsam, damit ich alle drei im Blick behielt. »Das ist ein Park. Für Überfälle gibt es doch bestimmt Orte mit besserer Parkplatzsituation.« Ich hörte mich überraschend ruhig an, während mir in Wahrheit das Herz aus dem Hals sprang.
Der mit dem Schlagstock grinste und betrat ungehindert den Pavillon. Er hatte eine Zahnlücke links. »Du redest viel.«
»Stressreaktion.«
Der Mann mit dem Taser stellte sich auf die andere Seite. Er war breiter, der Kopf sauber rasiert. »Hände weg von der Jacke.«
»Ich nehme an, höflich fragen war keine Option.«
»Hände.«
Ich hob sie ein Stück. Harrington stand vor der Barriere, außerhalb meiner direkten Reichweite, und hielt den kleinen Fokus zwischen zwei Fingern. »Siehst du«, sagte er. »Jetzt sind wir schon beim ehrlicheren Teil des Treffens.«
»Ich nehme an, die Geschichte mit Prag war gelogen.«
»Nicht vollständig.«
»Das ist fast schlimmer.«
Harrington drehte den kleinen Fokus langsam zwischen zwei Fingern. »Du hast Humor.«
»Du hast einen Käfig mitgebracht. Jeder verarbeitet Stress anders.«
Sein Blick blieb auf meinem Gesicht. »Du machst es dir leichter, wenn du kooperierst«, sagte Harrington.
»Womit genau? Ihr habt mich noch nicht ausgeraubt. Und wollt es scheinbar nicht? Dafür wären die Requisiten übertrieben. Also was wollt ihr?«
»Dich.«
Ich atmete aus und zwang mich, nicht zur Barriere zu sehen, nicht zur Uhr, nicht zur Pistole zu greifen. »Das ist ein schlechter Anfang für Verhandlungen.«
»Es ist keine Verhandlung.«
»Das sagen Leute immer, bis sie merken, dass ich anstrengend bin.«
Harrington hob die freie Hand und griff in seine Jackentasche, zog ein Paar Handschellen und einen Fokus in Form eines Armreifs hervor und warf beides vor meine Füße. Ich starrte darauf. In meiner magischen Sicht war der Reif eindeutig ein Fokus, durchzogen von einem Netz aus grüner Magie. »Leg das beides an«, sagte er. »Wir müssen dich nicht verletzen.«
»Das ist nett.«
»Wir müssen dich nur mitnehmen.«
»Weniger nett.«
»Mach keine Dummheiten, Asher. Du bist in einem gesicherten Kreis, drei gegen einen, und deine üblichen Auswege sind begrenzt.«
»Meine üblichen Auswege?«
Harrington deutete mit dem Fokus nach oben. »Auch mit Flügeln kommst du hier nicht raus.« Er trat langsam einen Schritt zur Seite. »Du bist schwer festzuhalten, aber mehr kannst du hier nicht.«
»Du hast meine Dating-Profilbeschreibung gefunden.«
Der Mann mit dem Schlagstock grinste wieder. »Ich mag den.«
»Dann behalt trotzdem Abstand«, sagte der Mann mit dem Taser.
Meine rechte Hand ging zur Pistole. Harrington sah die Bewegung. Seine Hand drehte sich nur leicht im Handgelenk, und in meiner magischen Sicht zogen sich grüne Linien um seine Finger zusammen. Ich hatte den Griff schon gepackt, als die Pistole schlagartig heiß wurde. Ich riss die Hand zurück, aber zu spät. Schmerz fuhr durch meine Handfläche und aus dem Holster kam ein scharfes Zischen. Gleichzeitig wurde die Uhr an meinem linken Handgelenk heiß. Die Hitze breitete sich vom Gehäuse über das Metallarmband aus. Ein stechender Schmerz zog sich rund um mein Handgelenk. »Scheiße«, keuchte ich und zog den Arm an den Körper. »Du bist ein Flux-Magier.«
Harrington lachte auf. Diesmal echt. »Gut. Du erkennst wenigstens, was dich gerade ruiniert.«
»Ruinieren ist ein großes Wort für Sachbeschädigung.«
»Du kannst keine Waffe ziehen. Dein hübscher Fokus brennt sich gerade in deine Haut. Und du kommst nicht raus.«
Der Mann mit dem Taser trat näher. Der andere ließ den Schlagstock einmal gegen seine Handfläche klatschen.
Harrington sah mich an und sagte leiser: »Ein Tier im Käfig. Das passt zu dir.«
Leute, die Wesen hassten, waren selten originell. Tier. Monster. Fehler. Problem. Das ganze alte, langweilige Vokabular. Aber in diesem Pavillon, mit der Barriere um mich, der brennenden Uhr und dem Geruch meiner eigenen Haut, ging es mir für einen Moment zu nahe. Ich atmete aus. »Wenn das deine beste Zeile war, bin ich enttäuscht.«
»Du redest immer noch.«
Der Mann mit dem Taser zeigte auf meine Brust. »Kann ich?«
Harrington sah mich einen Moment länger an. Dann nickte er. Meine Gedanken wurden sehr schnell und sehr eng. Die Pistole war keine Option. Die Uhr brannte, aber vielleicht funktionierte sie noch. Wenn ich an die Barriere herankam, konnte ich versuchen, ihre Verankerung zu lösen. Sie dachten, ich sei hier eingesperrt. Im Grunde dachte ich das gerade selbst. Aber ich konnte Magie lösen, wenn ich sie sah.
Der Mann mit dem Taser zielte. Ich bewegte mich, packte mit der rechten Hand meinen linken Ärmel und drückte den Stoff gegen den Knopf der Uhr. Ein kleiner Klick, und die Uhr setzte ein. Geräusche wurden tiefer, Bewegungen verlangsamten sich. Die Autos auf der Brücke wurden zu einem dumpfen Rollen. Die Vögel in den Bäumen schrien noch immer, aber ihre Laute zogen sich auseinander, jeder Ton gedehnt und fremd. Zwei kleine Pfeile schossen aus dem Taser, dünne Drähte hinter sich herziehend. Für mich bewegten sie sich quälend langsam. Ich trat zur Seite. Der Schmerz im Handgelenk blieb. Der Mann stand noch mit ausgestrecktem Arm da. Seine Augen begannen sich gerade erst zu weiten. Der Mann mit dem Schlagstock links von mir hatte den Kopf ein Stück gedreht, aber sein Körper hing noch in der alten Bewegung. Harringtons Hand war halb erhoben, die Finger wieder bereit für Magie, nur zu langsam.
Ich ging nicht auf Harrington zu. Er stand auf der anderen Seite der Barriere, also nahm ich zuerst den Taser. Ich packte das Handgelenk des Mannes, drehte es nach außen und nach unten. In normaler Geschwindigkeit hätte er dagegengehalten. Hier tat er es auch, nur eben zu spät. Seine Finger öffneten sich widerwillig. Ich zog ihm den Taser aus der Hand und stieß ihm den Ellenbogen so hart gegen den Brustkorb, dass die Luft später aus ihm heraus musste, sobald die Zeit ihn wieder einholte. Ich rammte das Gerät dem Mann mit dem Schlagstock gegen den Unterarm, der gerade ausholte. Der Aufprall wanderte langsam durch seinen Körper. Sein Griff lockerte sich und ich zog den Schlagstock aus seiner Hand, bevor er überhaupt begriff, dass er ihn verloren hatte.
Die Barriere stand noch. Sie war in der magischen Sicht deutlich zu lesen, ein enges Gitter aus Fäden zwischen den Säulen, aufgebaut von dem Fokus in Harringtons Hand. Kein besonders komplexer Zauber. Ein Käfig für Magier oder magische Wesen, vermutlich. Ich streckte die Hand aus, mehr aus Gewohnheit. In meiner magischen Sicht fand ich die Spannung im Gitter und zog mit meiner eigenen Magie an einem der Knoten. Die Fäden wehrten sich kurz, dann riss die erste Verbindung. Eine zweite folgte. Die Barriere flackerte, bekam Löcher und zog sich an den Säulen zusammen. Zwischen zwei Säulen entstand eine Öffnung.
Harringtons Blick bewegte sich langsam in meine Richtung. Seine Hand drehte sich ein Stück und in meiner magischen Sicht verdichteten sich grüne Linien um seine Finger. Nur nützte ihm das gerade wenig, solange er sich für mich wie durch Sirup bewegte. Ich holte mit dem Schlagstock aus und warf ihn nach Harrington. Er traf ihn seitlich am Schultergelenk. Der Aufprall riss seinen Oberkörper herum, und langsam begann er das Gleichgewicht zu verlieren, mit dieser Ruhe, die die Uhr allem gab.
Der Mann, der zuvor den Schlagstock hatte, kam inzwischen wieder in meine Richtung. Oder versuchte es. In der magischen Sicht waren Gesicht und Kleidung kaum mehr als blasse Konturen. Ich schleuderte den Taser ins Gebüsch, stieß den Mann mit der Schulter aus dem Weg und duckte mich unter seinem Arm hindurch. Seine Jacke roch nach Leder, Schweiß und billigem Deodorant. Er war viel zu nah. Ich mochte große Leute nicht, wenn sie beruflich auf mich einschlugen. Mein Handgelenk schrie und irgendwo in meinem Kopf hörte ich Dans Stimme, sehr klar und sehr genervt: Nicht länger als nötig, Ash. Das ist kein Spielzeug.
Ich duckte mich durch die Öffnung im Gitter. Ein letzter Faden spannte sich noch seitlich zwischen zwei Säulen und ich war bereits zu nah, um ihm ganz auszuweichen. Er streifte meine Schulter, als ich aus dem Pavillon rannte, und schnitt brennend durch Jacke und Shirt in die Haut darunter. Ich riss mich los, stolperte, fing mich auf dem Kies und rannte.
Der Effekt der Uhr würde jeden Augenblick nachlassen. Bis dahin waren die anderen viel zu langsam, um mir zu folgen. Ich wechselte wieder in die normale Sicht. Die Vögel am Himmel schienen kaum von der Stelle zu kommen, und die Blätter der Bäume bewegten sich quälend langsam. Meine Schritte klangen dumpf.
Dann brach der Zauber ab, und plötzlich bewegte sich alles wieder in der gewohnten Geschwindigkeit. Geräusche sprangen zurück in normale Lautstärke, Autos, Vögel und meine Schritte. Ich rannte weiter, quer über den Kies, durch ein Stück Gras, an einem niedrigen Zaun vorbei. Die Pistole war noch warm im Holster, die Uhr klebte heiß an meinem Handgelenk und jeder Schritt zog an der Schulter, wo der Rest der Barriere mich erwischt hatte. Ich sah mich um. Sie kamen nicht sofort hinterher. Das war gut. Oder schlecht, wenn es bedeutete, dass Harrington etwas anderes vorbereitete. Ich bog hinter eine Gruppe Eukalyptusbäume, sprang über eine flache Betonrinne und kam auf dem unteren Fußweg wieder heraus. Ein Jogger sah mich an, wurde langsamer, entschied sich dann offenbar, dass ein blutender Mann mit verbrannter Jacke nicht sein Morgenproblem war, und lief weiter. Vernünftig. Kalifornien hatte viele Vorteile, einer davon war, dass Leute sich erstaunlich schwer beeindrucken ließen, solange niemand direkt vor ihnen starb.
Mein Handy vibrierte. Ich ignorierte es und rannte weiter bis zur Treppe, die hoch zum nächsten Weg führte. Erst dort blieb ich stehen, weil meine Lunge brannte und das linke Handgelenk bis in den Unterarm pochte. Ich sah zurück. Keiner war hinter mir. Ich stieg die Treppe halb hoch, blieb im Schatten eines Pfeilers stehen und zog die Jacke ein Stück zur Seite. Die Pistole strahlte keine Hitze mehr ab, aber quer über meiner Handfläche zeichnete sich der Abdruck des Griffs ab. Die Uhr hatte sich inzwischen abgekühlt, aber das Metall hatte sich tief in die Haut gebrannt. Die Haut darunter war rot und offen, mit einem geschwollenen Rand, der einmal sauber um das Handgelenk lief. »Dan bringt mich um«, murmelte ich. Das war unfair gegenüber Dan. Er würde erst fragen, ob ich lebte. Dann würde er mich umbringen. Das Handy vibrierte wieder. Ich nahm ab.
»Na endlich«, sagte Dan sofort. »Warum gehst du nicht ran?«
Ich sah noch einmal Richtung Pavillon. Keine Bewegung in meine Richtung. »Der Termin war eine Falle.«
Am anderen Ende war es für einen halben Atemzug still. Dann wurde seine Stimme sehr ruhig. »Wo bist du?«
»Ich bin noch am Arroyo. Unterhalb der Brücke. Ich bin raus.«
»Verletzt?«
»Ein bisschen.«
»Asher.«
»Nichts, was bleibt.«
»Die Uhr?«
»Funktioniert. Glaube ich. Wird aber eine emotionale Reparatur.«
»Ich frage gerade nicht nach der verdammten Uhr.«
»Doch. Innerlich schon.«
»Komm in den Laden. Und pass auf. Hast du mich verstanden?«
»Ja.«
»Und wenn du verfolgt wirst?«
»Sehe ich gerade nicht.«
»Das war keine Antwort, die ich mag.«
»Ich bin unterwegs.«
»Gut. Lauf.«
Ich legte auf, bevor er noch mehr Recht haben konnte. Erst danach zog ich die Uhr ab. Vorsichtig, weil die Haut daran festklebte. Es tat hässlich weh und für einen Moment wurde mir kalt im Bauch. Nicht wegen der Verletzung, sondern weil Harrington das alles mit einer kleinen Handbewegung geschafft hatte. Pistole nutzlos. Uhr beinahe nutzlos.
Kaum war die Uhr ab, begann sich die Haut darunter zu schließen. Ich konzentrierte mich auf mein Handgelenk und unterstützte die Heilung ein wenig. Wärme breitete sich unter der Haut aus, begleitet von dem vertrauten Ziehen, während sich die offenen Stellen langsam schlossen. Ich hatte das schon so oft gemacht, dass ich kaum darüber nachdenken musste.
Der Park war wieder normal. Ein Spaziergänger, dessen Hund an einem Busch schnüffelte, ein Auto, das oben hupte. Niemand schrie. Niemand rannte. Ich hätte mir inzwischen fast gewünscht, Harrington hätte tatsächlich nur versucht, mir einen gefälschten Fokus anzudrehen. Betrug verstand ich, Gewalt ebenfalls, auch wenn ich sie nicht besonders mochte. Aber die Männer hatten nicht mein Geld gewollt. Sie hatten gewusst, wer ich war, und wollten mich lebend mitnehmen.
Ich zog die Jacke aus, weil mir viel zu heiß war. Die Pistole ließ ich stecken, zog das Holster aus, wickelte die Jacke darum und klemmte beides unter den Arm. Dann sah ich ein letztes Mal zurück. Keine Verfolger. Nur die Reste vom Nebel und der Morgen, der tat, als hätte er mit alldem nichts zu tun. Ich ging los Richtung Highland Park, schnell, aber nicht rennend. Wer rannte, fiel auf. Wer mit Blut am Shirt und einer Pistole unter dem Arm zügig durch Los Angeles ging, leider auch, aber man konnte nicht alles haben.
2
Ein Duft nach Kräutern, altem Holz und Räucherwerk empfing mich, als ich den Laden betrat. Die kleine Glocke über der Tür klingelte. Dan behauptete, sie habe Charakter. Ich behauptete, sie sei passiv-aggressiv. An diesem Morgen war sie jedenfalls laut genug, dass ich zusammenzuckte und sofort zur Straße zurücksah. Keine Schläger, kein Flux-Magier, der sich zwischen geparkten Autos versteckte und darauf wartete, dass ich ein zweites Mal dumm genug war, in Reichweite zu kommen. Nur Highland Park, ein paar Autos, eine Frau mit Einkaufstasche auf der anderen Straßenseite und ein Mann, der im Vorbeigehen auf sein Handy starrte. Normale Menschen. Normale Probleme. Ich schloss die Tür hinter mir ab, drehte das Schild auf Closed und blieb einen Moment mit der Hand am Schlüssel stehen, bis mein Puls etwas langsamer wurde.
Der Laden war noch dunkel bis auf die Lampen hinter der Theke und das warme Licht aus Dans Werkstatt. Regale mit Büchern, Tees, Kräutern, Kerzen und zu vielen dekorativen Kristallen standen in ordentlichen Reihen. Für Kunden war Magic Ink ein Laden für spirituellen Bedarf, esoterische Geschenke und Dinge, die man kaufte, wenn man sich gleichzeitig besser fühlen und hübsche Gläser ins Regal stellen wollte. Ein paar Kunden kamen wegen Tarotkarten, ein paar wegen Kräutermischungen oder Räucherwerk und gelegentlich betrat jemand den Laden mit der festen Überzeugung, dass ein Amethyst ihn beruhigen würde. Die echten Foki, alten Bücher, gebundenen Werkzeuge und gefährlichen Dinge, bei denen Dan sofort diesen Blick bekam, als hätte ihm jemand ein besonders kompliziertes Uhrwerk geschenkt, lagen nicht vorn. Sie waren verschlossen, geschützt und außerhalb der Reichweite normaler Hände. Menschen ohne Magie hielten den Namen auf dem Schild für Marketing. Das war praktisch. Die Geschichte hatte oft genug gezeigt, dass Menschen selten entspannter wurden, wenn sie erfuhren, dass Hexen, Magier und Wesen nicht nur in schlechten Filmen existierten.
Dan kam aus der Werkstatt, bevor ich die Theke erreichte. Seine Haare standen in alle Richtungen und sein Gesicht war viel zu ruhig. Das war der gefährliche Dan. Lauter Dan war unangenehm. Ruhiger Dan bedeutete, dass er bereits drei Katastrophen durchdacht hatte und bei der vierten angekommen war. »Tür abgeschlossen?«, fragte er.
»Ja.«
»Straße?«
»Ziemlich leer.«
»Verfolgt?«
»Nicht sichtbar.«
»Das ist immer noch keine Antwort, die ich mag.«
»Ich hatte vor, später bessere zu erfinden.«
Er blieb zwei Schritte vor mir stehen und sah mich von oben bis unten an. Seine Augen blieben an der verbrannten Jacke hängen, dann an meiner Schulter, wo der Stoff dunkel und steif vom Blut war, dann an der Hand, die ich offenbar zu sehr an den Körper hielt. »Shit«, sagte er leise.
»Ja.«
»Du hast am Telefon ›ein bisschen‹ gesagt.«
»Das war vor weiterer Betrachtung.«
»Asher.«
»Ich weiß.«
Er atmete durch die Zähne aus. »Dann komm.«
Ich folgte ihm durch den Laden, hinter die Theke und legte die angekokelte Jacke samt Holster auf einen freien Stuhl. Dans Werkstatt direkt dahinter roch nach Metall, Kaffee und etwas Scharfem, das aus einem offenen Döschen mit Öl kam. Auf dem großen Tisch lagen Werkzeuge, ein halb geöffnetes Uhrengehäuse, drei kleine Foki in einer Schale und ein Sandwich. Er zog einen Hocker heran und zeigte darauf. »Hinsetzen.« Ich setzte mich. Dan stellte sich vor mich, verschränkte die Arme und musterte erst mein Gesicht, dann die Schulter, dann meine Hand. »Was genau ist passiert? Und versuch gar nicht erst, es kleiner zu machen, ich sehe das Blut.«
»Der Fokus war keiner. Es war nur ein Stein. Komplett tot. Harrington hatte einen Barrierefokus, dazu zwei Männer mit Taser und Schlagstock. Er war Flux-Magier. Hat Pistole und Uhr erhitzt.«
Dans Blick sprang zu meinem Handgelenk. »Die Uhr?«
»Funktioniert noch.«
»Ash.«
»Sie funktioniert noch«, wiederholte ich. »Ich glaube, sie ist nur beleidigt.«
»Das bin ich auch gleich.«
»Siehst du. Ihr habt etwas gemeinsam.«
Er griff nach meiner linken Hand, vorsichtiger, als sein Gesicht vermuten ließ, und drehte das Handgelenk ins Licht. Die Haut war geschlossen, aber noch rot, geschwollen und empfindlich. »Du hast es schon geheilt«, sagte er.
»Ja.«
Dan sah mich an. »Und die Schulter?«
»Noch nicht.«
»Natürlich nicht. Warum auch die blutende Stelle behandeln, wenn man unterwegs hübsch Prioritäten setzen kann.«
»Ich war beschäftigt mit Heimkommen.«
»Sehr großzügig von dir.« Er griff nach dem Saum meines Shirts, hielt dann inne und verzog das Gesicht. »Wie viel Blut ist das?«
»Es ist nicht tief.«
»Das sagen nur Leute, die wollen, dass es jemand anderes wegwischt.«
»Das trifft erstaunlich gut zu.«
Dan schloss kurz die Augen. »Zieh das Ding aus.«
Ich sah über die rechte Schulter. Der Schnitt fühlte sich nicht tief an, war aber lang und unangenehm. Beim Rennen hatte er so stark geblutet, dass er mein Shirt schlimmer aussah, als die Verletzung war. »Ich brauche ein anderes Shirt«, sagte ich.
»Du brauchst zuerst einen Lappen.«
»Auch das.«
Er ging zum Waschbecken, nahm ein sauberes Tuch aus einer Schublade, machte es nass und kam damit zurück. »Shirt aus.« Ich sah zur Tür, die in den Hausflur führte. »Abgeschlossen«, sagte er. »Vorne auch. Niemand kommt rein. Und wenn doch, sage ich, wir testen Theaterblut für Halloween.«
Ich zog das Shirt aus. Oder versuchte es. Der Stoff klebte an der Schulter fest und riss beim ersten Zug an der Wunde. Ich hielt inne. Dan verzog das Gesicht, sah aber nicht weg. »Fest?«
»Ja.«
»Gut. Nicht reißen.«
»Ich hatte nicht vor, mir beim Ausziehen neue Probleme zu bauen.«
»Du hattest heute Morgen mehrere Dinge nicht vor, und trotzdem stehen wir hier.« Er half mir, den Stoff vorsichtig von der Wunde zu lösen. Dabei wurde er zunehmend blasser. Dan konnte kein Blut sehen, blieb aber stur neben mir stehen.
»Du musst das nicht machen«, sagte ich.
»Klappe.«
»Sehr einfühlsam.«
»Ich bin gerade enorm einfühlsam. Ich kotze dir nicht auf die Schuhe.«
»Das weiß ich zu schätzen.« Der Stoff löste sich endlich. Ich zog das Shirt über den Kopf und warf es auf den Boden.
Dan sah auf meine Schulter, machte ein kurzes Geräusch und drehte den Kopf zur Seite.
»So schlimm?«, fragte ich.
»Es ist offen und nass. Das reicht für meine persönliche Grenze.«
»Ich kann es heilen.«
»Dann tu das. Schnell. Nein, warte.« Er drückte mir den Lappen in die Hand. »Erst nochmal Blut weg. Sonst schmierst du es überall hin und Nora fragt später, warum die Werkstatt aussieht wie ein Tatort.«
»Nora merkt das sowieso.«
»Nora merkt alles. Aber es gibt Abstufungen.«
Ich wischte so gut es ging über Schulter und Oberarm. Der Lappen wurde sofort rotbraun. Dan sah versehentlich hin, bereute es sichtbar und holte ein schwarzes Shirt aus dem Regal an der Wand. Vermutlich eins von seinen. Es würde mir zu groß sein, aber sauber, und im Augenblick war sauber ein sehr attraktives Konzept. »Hier«, sagte er und legte es neben mich. »Und jetzt heilen. Ich sehe nicht hin.«
Er sah natürlich trotzdem hin. Ich legte die Hand neben die Wunde und schickte Magie hinein. Wärme sammelte sich unter der Haut und zog durch das offene Gewebe. Die Schulter brannte einmal, tief und unangenehm, dann ließ der Schmerz nach. Dan stand mit verschränkten Armen neben mir. Seine Farbe war noch immer schlecht, aber seine Neugier gewann wie immer gegen seinen Magen. »Das ist so widerlich«, sagte er leise.
»Danke.«
»Und faszinierend.«
»Auch danke.«
»Ich hasse, dass beides stimmt.«
Die Haut zog sich vollständig zu. Zurück blieb eine rote Linie, die in ein paar Tagen verblassen würde. Ich nahm die Hand weg und bewegte vorsichtig die Schulter. Es zog noch, aber die Wunde war geschlossen.
Dan atmete aus. »Okay.«
Ich zog das Shirt über. Es hing an mir, roch nach Werkstatt und Waschmittel und war an den Schultern zu breit. Dan musterte das Ergebnis und nickte, als hätte er gerade eine Reparatur abgeschlossen. »Besser.«
»Ich sehe aus wie dein Praktikant.«
»Mein Praktikant würde weniger Ärger machen.«
»Dein Praktikant wäre nach drei Tagen weg.« Ich lehnte mich auf dem Hocker zurück und merkte erst jetzt, wie sehr meine Beine zitterten. Das Adrenalin ließ langsam nach.
Dan sah mich an. »Kaffee?«
»Ja.«
»Wasser zuerst.«
»Tyrann.«
»Lebender Tyrann. Das ist unser Zielzustand.«
[...]
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Die Beute hat Krallen
Band 1 der Asher-Bale-Reihe
von C. Wibbing
Erscheint im Januar 2027. Vorbestellbar voraussichtlich ab Mitte Dezember.